Die Quinten der Zirkelrunde

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So eine Konstellation macht schon Eindruck. Da handelt es sich um etwas Wichtiges. Wer auch immer dem erlauchten Gremium angehören wird, um sich in dieser Runde seines Platzes sicher zu sein, hat etwas zu sagen, vertritt mehr als nur sich selbst.

Die Quinten der Zirkelrunde. Oder einfach:

Der Quinten-Zirkel.

Erst dieses Q-Wort, von dem es in der Musik mit Quarte noch ein weiteres gibt, das ebenso für ein sogenanntes Intervall steht, und dann auch noch ein geometrisches Präzisionswerkzeug. Dazu die Anmutung der Gleichzeitigkeit von natürlicher und künstlicher Perfektion, wie sie nur durch einen Kreis zu beschreiben ist.

Wenn jemand anfängt, das, was sich dahinter verbirgt, erklären zu wollen, wird daraus schon schnell mal ein Rumwerfen mit Fachausdrücken.

Schlaubi Smilie

 

Quintenzirkel

Quintenzirkel

„Rechts herum immer Quinten aufwärts, die Kreuz-Tonarten so, dass immer ein Kreuz dazukommt, je weiter man im Uhrzeigersinn fortschreitet. Links herum die B-Tonarten, da geht es abwärts mit den Quinten und je weiter es geht, umso mehr Bs werden es – und so sieht das Ganze dann aufgeschrieben aus: Am unteren Punkt treffen sich sechs Bs und sechs Kreuze…“

Und tatsächlich: Um in diese Materie so ganz einzusteigen, bräuchte es schon die Basis einiger verstandener Grundbegriffe der Musik.

Aber muss ich eine Uhr bauen können,

um zu wissen, wie spät es ist, wenn ich darauf schaue?

Muss ich Ampeln programmieren können,

um zu wissen, dass ich bei Grün fahre und bei Rot eben nicht?

interior of a boardroom - round table and white leather armchairsIn jedem dieser zwölf Sessel macht es sich der Diplomat eines guten Tones bequem und geht im Laufe einer Zusammenkunft musikalische Verbindungen ein. Jeder hat naturgemäß sehr enge Beziehungen vor allem zu den Vertretern zu seiner Rechten und seiner Linken.

Nach rechts gibt er gern weiter, von links empfängt er freundlich gemeinte Aufforderungen. Gemeinsam mit diesen beiden Nachbarn bildet jeder Einzelne eine Art harmonisches Kommunikations-Team, Seite an Seite: eine einfache diatonische Kadenz, in der jeder für die beiden neben ihm Sitzenden zur Tonika wird.

Das namengebende Element dieses Zirkels, die Quinte, benennt den immer genau gleichen Abstand von Sessel zu Sessel, von Ton zu Ton. Vollkommene Gleichberechtigung, die es ermöglicht, dass jeder als Tonika potenziell zur Haupttonart und damit zum Zentrum des Geschehens werden kann, meist für die Dauer einer Zusammenkunft, wie für ein in sich geschlossenes Musikstück.

Warum dieser Abstand von Sessel zu Sessel in diesem Zirkel gerade die Quinte ist und nicht eines der anderen zwölf Intervalle? Diese Frage stellte schon Meister Yoda in einer der ersten unserer TonKüchen und gab als Inbegriff der Weisheit gleich selbst die Antwort darauf – wie könnte es auch anders sein:

„Was macht so besonders eine Quinte? In der Musik das Streben nach Stabilität sie ist. Alles Verworrene zu ordnen die Kraft sie hat.“

Die Quinte ist unter den Intervallen der Natur dasjenige mit der stärksten definierenden Kraft. Die Quinte macht aus Ton erst Tonart, sie klärt durch ihren Auftritt, dass es sich für die beteiligten Töne um einen Platz im Quintenzirkel handelt.

Jeder, der in dieser Runde als Tonika ein Statement abgeben möchte, wendet sich vorher seinen beiden Nachbarn zu, um es sich noch einmal bekräftigen zu lassen und ist sich dabei des Umstandes sicher, dass jeder der beiden genau eine Quinte weit entfernt ist.

Und jeder weiß, dass es für alle anderen im Zirkel genau dieselben Bedingungen gibt.

Möchte er etwas dominierender auftreten, bezieht er dabei bevorzugt den linken Nachbarn ein, geht es eher darum, den eigenen Standpunkt durch bittendes Understatement zu vertreten, dient das Heranziehen der Person zur Rechten.

Monument to the Three Great Kazakh Judges in Astana

Und da jeder als Tonika sowohl selbst das Zentrum zwischen zwei Nachbarn darstellt, als er zu anderer Zeit selbst auch je einmal linker oder rechter, dominierender oder bittend argumentierender Nachbar – Dominante oder Subdominante – ist, existiert in diesem Zirkel eine perfekte Ausgeglichenheit in der Hierarchie. Jeder einzelne beherrscht die Kunst des sich Unterordnens genauso gut wie die des nachdrücklichen Aufforderns – und genau so die des abwägenden Entscheidens.

Mit der vor jeder Zusammenkunft getroffenen Festlegung, welcher tönende Diplomat die Begegnung als Tonika führt, wird so auch gleichzeitig einvernehmlich festgelegt, wer das erste und letzte Wort hat.

Je weiter weg die Partner vom Inhaber des Grundtons der vereinbarten Haupt-Tonart sitzen, umso seltener melden sie sich zu Wort. Sie wissen instinktiv, dass ihr Eingreifen dem Verlauf sehr fremdartige Wendungen verleihen würde. Oder sogar – auch das kommt vor – dem Verlauf des Gesprächs ein neues tonales Zentrum geben würde.

Aber: Sogar das ist in diesem Zirkel so geregelt, dass sich niemand selbst für diese Rolle aufdrängen kann: Ohne das Mittun seiner beiden Nachbarn zur rechten und (vor allem) zur Linken und in deren Funktion als Subdominante und Dominante für den einzelnen, wird sich niemand als neue Tonika durchsetzen können.

Dessen gewiss ist es auch ein gern eingehaltenes, ungeschriebenes Gesetz für die Inhaber der Sessel im Zirkel der Quinten, dass derjenige, der eine Zusammenkunft eröffnet und als Tonika führt, diese auch wieder beendet – so wie ein Musikstück in der Tonart schließt, mit der es beginnt.

Auch ein runder Tisch braucht jemanden, der das Gespräch führt. Und idealerweise sind alle an diesem Tisch potenziell auf gleiche Weise dazu in der Lage und unterwerfen sich gern den gemeinsamen Regeln.

Dann werden die Verläufe dessen, was an jenem Tisch geschieht, eine Ausgeglichenheit haben, die dem Ideal der perfekten Harmonie eines Kreises entspricht. Einer Harmonie des Miteinander und der Beziehungen zueinander, die dem Quintenzirkel in vorzüglicher Weise sein Wesen verleiht.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit – und gute Musik!
Ihr

Stefan Malzew

 

 

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