Geht’s Ihnen Swing?

 

equilbrio natural

Was machen die da?

Sehen Sie mal genau hin. Ganz genau! Das ist so wacklig, das bewegt sich sogar auf einem Foto!

Swing ist ein Lebensgefühl, das der notwendigen Beweglichkeit sehr nahe kommt, die nötig ist, um sich als Ei länger auf dem Anderen zu halten – oder, wenn man das untere Ei sein sollte, um das zweite Ei oben zu balancieren. Vorausgesetzt, man genießt es,

Und wenn man jetzt, ganz zeitgemäß, keine Zeit hätte für mehr Worte, dann wäre die Bedeutung des Begriffs Swing für die Musik damit umfassend erklärt.

Na, fast jedenfalls.

Es gäbe schon noch  etwas hinzuzufügen, nur der Vollständigkeit halber.
Also, wenn Sie mögen:

Hören und Sehen wird Ihnen mit dem folgenden Beispiel nicht vergehen sondern Spaß machen und dabei genau das Feeling vermitteln, welches untrennbar zur Musik des Swing gehört:

Glenn Miller und seine BigBand sind hier mit dem berühmten Titel In the Mood durch einen excellenten Filmschnitt in Szene gesetzt.

Der Musikstil, der sich dahinter verbirgt, ist im Jazz zuhause.

Entstanden ist er in der afro-amerikanischen Musikszene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In seiner sehr lockeren Art, die sich auch in den zugehörigen typisch schwingenden, sehr relaxeten Tanz-Bewegungen widerspiegelt und mit der er schnell auch die übrige Musikwelt eroberte, kam er im deutsch geprägten Europa der 30er und frühen 40er Jahre auf die Liste der sogenannten entarteten Musik, noch direkter als „Negermusik“ bezeichnet.

Rockabilly couple dancing on a vinyl recordStellen Sie sich vor, auf einer schönen alten und ausnahmsweise übergroßen Schallplatte zu tanzen. Sie werden städig gedreht und gewendet. Und selbst in Augenblicken, in denen Sie sich selbst scheinbar garnicht bewegen, stehen Sie doch nicht still sondern gleichen stets den Umstand aus, dass Ihnen unter den Füßen der Boden wegrotiert wird.

Wenn Ihnen das Freude macht, ist das eine Lebensgefühl, bei dem Sie nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Dann ist es Swing.

Was? Da steht aber „Rock-n-Roll“ drauf? Stimmt. R-n-R ist ein wildes Kind des Swing, gehört sozusagen zur Familie.

Die wichtigsten Zutaten

Die drei vielleicht typischsten musikalischen Elemente, durch die Swing zum Swing wird, sind einerseits die excessive Anwendung von Synkopen in der Melodie, die stete leichte Betonung der sogenannten unbetonten Zählzeiten im Takt: der 2 und der 4 (Betonte Unbetonungen: habe ich da gerade ein Wort erfunden?), und zum Dritten ein leicht hüpfendes Verschieben kleinerer Notenwerte, wodurch etwas entsteht, das in der Musik Punktierung heißt.

Diese besondere Art der lockeren Punktierung ist auch in sehr viel früherer Musik verschiedener Stile schon existent (dazu gibt es einige Beispiele im HitView Folge 6 zu Waterloo von ABBA), bekommt aber im Swing ihre ganz eigene Charakteristik dadurch, dass immer abwechselnd ein Taktschlag diese Punktierung erhält (der zweite und vierte Schlag in jedem Takt) und einer nicht (der erste und dritte).

Dadurch entsteht ein musikalisches Wesen, das einfach nicht still stehen kann und von Moment zu Moment  weiterschwingt.

Unaufhaltsam.

Duuuh-dapp
Ganz langes U. Bisschen lauteres und vor allem ganz knappes Dapp.
Immer abwechselnd. Ganz gleichmäßig.

Und jedes mal vorm nächsten Duuuh noch ein kanz kurzes, lockeres ta. Dabei entsteht taDuuuuh.
Das Dapp und das kurze ta zusammen genau so lange dauern lassen wie das Duuuh alleine.

Duuuuhh-dapp–taDuuuuhh-dapp–taDuuuhuh-dapp–taDuuuuhh-dapp–ta_…

Und jetzt: Auf das Dapp mit dem Finger schnippen. Dapp ist immer abwechselnd die Zwei und die Vier im Takt.

Vorsicht Falle!

Das ist der Grund, warum Klassikmusiker immer erstmal falsch einsetzen am Anfang, wenn sie mit Jazzmusikern zusammen kommen.

Die Jazzer sind es so sehr gewöhnt, auf zwei und vier mit dem Finger zu schnippen, dass sie das auch dann machen, wenn sie dafür sorgen wollen, dass alle Spieler zusammen im selben Tempo beginnen. Sie stellen das her, indem sie bevor es losgeht schnippen. Dadurch hört jeder das Tempo, in dem das Stück gespielt werden soll. So etwas ähnliches machen Klassiker auch oft bevor sie gemeinsam losspielen. Aber sie würden dafür immer den Schwerpunkt auf betonte Zählzeiten setzen, also in diesem Falle die Eins und die Drei des Taktes.

A man playing cello on a red background with music notes vector flat design illustration. Vertical layout.Was passiert also dem Genre-Migranten mit seinem, sagen wir zum Beispiel Cello? Er deutet das Schnippen als alles Mögliche, nur nicht als die Zwei und die Vier eines Taktes – und wundert sich staunend, dass die anderen schon losspielen, wo er doch noch am Vorzählen ist. So nennen es Musiker, wenn vor dem Start das gemeinsame Beginnen im gleichen Tempo organisiert wird. Oder Einzählen. Na – das ist das gleiche.

Duuuuhh-dapp–taDuuuuhh-dapp–taDuuuhuh-dapp–taDuuuuhh-dapp–ta_…

So geht Swing. Ganz einfach. Schnell. Langsam. Medium. Well-done. Aber niemals rare. Roh. Die sich mit diesem Begriff einstellende Empfindung wird im Swing nicht auftauchen.

Mögen Sie noch ein kleines musikalisches Filetstück zum Abschluss?

Frank Sinatra gemeinsam mit Louis Armstrong in Birth of the Blues. (Dazu wird es gelegentlich auch eine TonKüche geben – versprochen!).

Wenn der Rock-n-Roll das wilde Kind der Familie ist, dann ist ein Blues so etwas wie die ruhigere Schwester des Swing.

Aber auch hier, unübersehbar: Beide Großmeister sind ununterbrochen in Bewegung, wenn auch in einer viel gemächlicheren Art als es die Glenn Miller-Spieler und Tänzer in dem obigen Beispiel sind.

Swing ist, wie es scheint, nicht nur ein Genre sondern eine musikalische Betätigung, ein aktives Tun – achten Sie im letzten Beispiel dieser TonKüche mal auf die einleitende Ansage von Sachmo: Es könnte ach klingen als würde er sagen: Now … we go sing for you … Aber es ist definitiv ein w in seinem Wort s(w)ing.

C’est si bon – ja! Es ist soooo gut!

Dialog der Meister

Louis: Sag mal! Rauchen hier auf der Bühne? Na Du hasts nötig!
Frank: Ach was! Der ganze Hype um das Nichtrauchen kommt doch erst in vierzig, fünfzig Jahren. Willst Du auch ne Zigarette?
Louis: Nee, brauch ich nicht mehr. Mein Stimme ist bereits fertig-designed.
Frank: singt.
Louis: lächelt. Und spielt Trompete.

Na dann:

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, Gute Musik und einen guten Swing!

Ihr
Stefan Malzew

 

 

 

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