Harmonie am Telefon

Altes Telefon mit Schnur auf Holz Hintergrund

Schweigen. An beiden anderen Enden der Leitung.

Am Telefon – und wir behaupten mal für den Moment, dass es hier nach wie vor nur um das Fern-Hör-Gerät geht und Facetime und Video-Anruf keine Rolle spielen – an einem Telefon ist Stille in der Kommunikation ein schwieriges Feld.
Und doch geschieht etwas, wird hin- und hergeschwungen, auch wenn an beiden Enden gerade nichts gesagt wird.

Der Verlauf des bisherigen Gesprächs, in manchem Fall sogar noch der Nachklang der letzten Begegnung oder Unterhaltung vor dem aktuellen Telefonat, wirken hinein in den lautlosen Moment.

Waren die Gedanken beider Gesprächspartner gerade auf einer Wellenlänge, gab es eine hohe Übereinstimmung der „Obertöne“, des scheinbar Unhörbaren, des Ungesagten? Oder herrschte Dissens, schwingt Dissonanz in das Schweigen, Unstimmigkeit über den Gegenstand des Gesagten? Gibt es gerade fröhliche Missverständnisse, lösen sich Vorhalte auf oder geht gerade eine Freundschaft in die Brüche? Erlebt eine Beziehung gerade den entscheidenden Impuls, um unverbrüchlich zu werden? Entsteht eine Vereinigung zweier Klänge, die in uns den Wunsch weckt, sie weiter zu hören oder…

All das in seinen unendlich vielfältig möglichen Varianten lässt sich spüren in Momenten des Schweigens, ohne des Gegenübers sehend gewahr zu werden.

Es ist die Harmonie.

Der entscheidende Moment für die Erkenntis, worum es bei dem Begriff Harmonie geht, im Leben wie in der Musik, ist der Moment der Stille danach.

firefist vs icefist

Was schwingt in mir nach?

Ruf zum Gebet

Welcher Klang bleibt an der Stille haften?

Ein Musikstück kann uns angeregt haben oder es entlässt uns traurig an seinem Ende, vielleicht sind wir euphorisch oder beinahe deprimiert, wenn die Stille eintritt – die Vielfalt an Befinden zwischen diesen Möglichkeiten ist schier unendlich.

Als harmonisch empfinden wir Zusammenklänge, bei denen es eine möglichst hohe Übereinstimmung an Obertönen gibt.

Stellen Sie sich Wellen vor auf einem See. Ausgelöst durch einen Stein, der hineingeworfen wurde.

Das ist ein Ton.

Ein zweiter Stein wird Wellen auslösen, die in Relation zu den Wellen des ersten Steins treten.

Beobachten Sie Ihren imaginären See. Was für Formen entstehen durch die Verbindung der Wellen? Lassen sie sich nachvollziehen, die Muster? Oder entsteht krauses Gewirr?

Und nun noch einen Stein.

Wenn alle drei zusammen immer noch das Bild abgeben eines Zusammenghörigen, dann sehen Sie hier das, was es in der Musik eine Harmonie sein lässt, wenn drei oder mehr Töne zusammen erklingen. Unterschiedliche Charaktere des Klangs spielen dabei keine Rolle, es geht nur um die Beziehung zwischen Ihnen selbst und dem Ihnen begegnenden Klang. Spricht er Sie an? Dient er Ihnen als ein Spiegel Ihres eigenen positiven Empfindens? Dann ist es eine Harmonie.

Jede Momentaufnahme eines Zusammenklangs wird zur neuen Harmonie im Dialog mit unserer Wahrnehmung.

Verfolgen Sie die ersten vier Klänge von Adeles Hello – jeder einzelne davon ist ein Augenblick des Spiels der Wellen Ihrer in den See geworfenen Steine. Jeder davon ist eine Harmonie.

Dialog der Meister

Johann Sebastian (Bach): Wovon redet er hier gerade?

Albert (Einstein): Keine Ahnung. Aber Kepler fand heraus, dass die Planetenbahnen in ähnlicher Harmonie in Beziehung zueinander stehen, wie die Töne in der Musik. Vielleicht meint er ja etwas in der Art mit den Kreisen auf dem Wasser.

Johann Sebastian: Nun, vertrauen wir ihm. Immerhin geht es um Musik. Und darum, wie sie das Gemeinsame und Trennende zwischen Menschen abbilden kann.

Albert: Es ist wie die ganze Welt: Alles schwingt. Der Raum, die Zeit. In steter Bewegung und unauflösbarer Verknüpfung.

Johann Sebastian: Sie werden demnächst auf eine Formel stoßen, die man zu einem Erkenntnisschlüssel innerhalb der Physik erklären wird. Aber eigentlich geht es auch dabei um Musik.

Albert: So? Welche Formel?

Johann Sebastian: E = mc2

Albert: Klingt spannend, muss ich mal darüber nachdenken. Aber wieso Musik?

Johann Sebastian: Weil E-moll in Verbindung mit einem c2 einen Klang ergibt, der je nach eigenem Empfinden die Schwelle zwischen Harmonie und Nicht-mehr-Harmonie auf der einen oder anderen Seite darstellt. Also eine klangliche Kulmination der Ambivalenz des Universums…

Albert: … das wird mir zu kompliziert!

Johann Sebastian (lacht): Ihnen zu kompliziert? Das wir Ihnen keiner abnehmen…

Das Schweigen ist Nachklang

Je nachdem, mit welchem Klang die Musik verhallt und wie die Schwingungen des Dialogs am Telefon weiterwirken, erleben wir die Stille als harmonisch. Oder eben nicht. Achten wir auf die Zwischentöne eines Gespräches. Sie entscheiden über die Harmonie zwischen Menschen genau so, wie die Obertöne zwischen Klängen der Musik.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, harmonische Telefonate – und gute Musik.

Ihr Stefan Malzew

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s