Hook ist Musik mit Haken

Fresh trout with spices and seasoning on cutting board

Das wollen sie alle.

Sie wollen uns an den Haken kriegen.
So, wie der Angler den Fisch an die Angel. Aber anders als beim Fischen im Bach ist das kleine spitze scharfe Ding hier gleichzeitig Haken und Köder und sie fangen uns damit nicht an der Lippe, sondern an der Hörmuschel.

Sie werfen ihn uns ins Ohr, den Ohr-Wurm-Haken und wenn es klappt, verdienen sie damit richtig viel Geld.

Jedenfalls heutzutage, wo man für diese Art klingenden Haken nicht jedesmal Musiker und Sänger bemühen muss, die es live spielen, danach wieder nach Hause gehen und der klingende Haken somit nur einen Versuch hat, sondern wo wir, ob wir nun wollen oder nicht, beschallt werden können aus Konserven voller potenzieller Ohr-Wurm-Haken. Die meisten davon stumpf und untauglich.

Obwohl es ja eigentlich wir sind, die wie Sardinen in der Büchse liegen und uns nicht wehren können, wenn es von allen Seiten schallt Atemlos durch die Nacht…

lsardinen

Aber mal ehrlich: Ob man das Lied von Helene Fischer nun mag oder nicht: sie macht damit ihrem Namen alle Ehre und fischt sich mit der Hook dieses Liedes in unser Erinnerungsvermögen, indem sie die sechs Töne bei uns treffsicher in demjenigen Hirnareal versenkt, das für musikalisches Gedächtnis zuständig ist. Festgehakt. Den Machern ist es damit gelungen, ein treffliches Beispiel zu liefern für das, was man in der Musik eine Hook nennt.

 

Dialog der Meister

Franz (Schubert), zu einer zufällig vorübertanzenden jungen blonden Frau: „Verzeihung, Fräulein, ich hab hier ein Lied über einen Fisch komponiert, genau gesagt eine Bachforelle, intelligenter Text, eingängige Melodie, – können Sie singen? Dann würde ich mich freuen, wenn Sie es mal probieren …“

Die zufällig vorübertanzende junge blonde Frau: „Ja, singen kann ich, bin aber momentan gerade etwas atemlos… „

Jaques (Offenbach), die Szenerie beobachtend: „Mademoiselle, wenn ich Ihnen raten darf: Meine Barcarole hat etwas sehr beruhigendes. Und Françoise, gesungen wird da auch. Wenn Sie also mögen, wählen Sie eine der beiden Chanteurs für Ihr Fisch-Lied, während La belle Helene genießt und wieder, wie sagt man – zu Atem kommt.“

Warum die Hook?

Weil es eigentlich hookline heißt, Hakenlinie.

Was gar nicht so falsch ist, denn damit eine Hook daraus wird, platzieren geschickte Komponisten das entscheidende  Element gleich mehrfach während des Songs, idealerweise sogar in unterschiedlichen Konstellationen wie z.B. Paul McCartney das berühmte Vorhalt-Motiv in Yesterday

Menschliches Ohr eines Manns mit Schallwellen und Gehirn mit markiertem Hörzentrum, Auditiver Cortex‎,

Da sitzt das begehrte Ziel der Ohrwurm-Angler

Auch wenn es in aller Regel ein melodisches Element ist, das sich uns im Auditiven Cortex verhakt, geht es (fast) immer um eine Konstellation aus mindestens zwei, eher mehr musikalischen Komponenten, derer es bedarf, um aus einer Tonfolge eine Hook zu machen.

Das kann im einfachsten Fall der Rhythmus sein in dem die Tonfolge daherkommt, wie beispielsweise beim Beginn von Mozarts kleiner Nachtmusik, oder eine kurze Harmoniefolge, wie der Beginn von Giacomo Puccinis Oper Tosca – die drei bombastischen Akkorde sind eine Mega-Hook für Opernfans und in ihrer Art ähnlich prägnant wie die eingängige Harmoniefolge des Hauptthemas von Fluch der Karibik.

Natürlich kann das auch der besondere Klang der Musik sein, wie z.B. der Einsatz einer Oboe in Twist in my Sobriety von Tanita Tikaram 1988.

Oft ist es jedoch eine Kombination aus diesen und anderen musikalischen Mitteln.

Der Opernkomponist Richard Wagner hat in seinen Werken so etwas wie eine story-telling-road-map, also eine klingende Landkarte mit lauter Wegmarken aus rhythmischen, melodischen und harmonischen Hooks etabliert und diese dann Leitmotive genannt. Und einige davon sind tatsächlich so Neuzeit-Hook-tauglich, dass sie sogar zu klingenden Wiedererkennungshaken des großen Films geworden sind, wie die berühmte Walkürenritt-Musik in Apocalypse now von 1979. Viele Menschen werden diesen Sound vielleicht sogar eher mit dem Film assoziieren als mit der eigentlichen Herkunft dieser Musik aus dem Ring des Nibelungen von Wagner.

 

Stitches

In Stitches von Shawn Mendes ist es das zweimalige sich Aufschwingen der Singstimme mit der Textzeile

I’m without your kissesFische 66
I’ll be needing stitches

Dieser klingende Angelhaken war spitz genug , um aus dem Lied einen echten Chart-Hit zu machen. Was es mit diesem Song noch auf sich hat? Darum geht es im HitView 5.

HitView 5 erscheint am 3. März 2016

 

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit – und gute Musik!

Ihr
Stefan Malzew

 

 

 

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