Vorhalt statt Vorbehalt

Chili, paprika, turmeric and bay leaves on wooden green and brown board background

Es ist ein Auf und Ab mit den Vorhalten. Und am Ende steht immer die Entspannung.

Um das Gefühl dafür zu bekommen, was ein Vohalt in der Musik ist, stellen Sie sich folgendes vor:

Sie sehen eine leuchtend orangene Fläche. Setzen Sie in Ihrer Vorstellung mitten in diese Fläche einen kräftig-roten Punkt, und lassen Sie diesen sich dann in dem Orange auflösen, so dass er am Ende in der Fläche aufgegangen ist, als wäre er nie da gewesen. Wenn Sie nun dem Ganzen sehr genau nachspüren, merken Sie, dass sich zwar das Orange selbst nicht verändert hat, aber Ihr Empfinden für die Farbe schon. Ganz wenig, aber doch spürbar.

Das Orange ist die Harmonie, der sich auflösende rote Fleck der Vorhalt.

Dialog der Meister

Franz (Schubert): „Es wäre schön, Wolfgang Amadeus, wenn Du mir nicht jedes mal Vorhaltungen machen würdest, wenn ich versuche, noch ein bisschen bei derselben Harmonie zu bleiben“

Wolfgang Amadeus (Mozart): „Es macht aber auch einen Mords-Spaß, Dich jedes Mal zu erwischen! Gib mir nen Akkord – ich geb‘ Dir einen Ton, der nicht reinpasst! Und Fliri-po-dili klingle ich Dir eine Melodie, von falsch nach richtig!“

Franz: „Ein Spaß? Aber der Ausdruck! Es wird doch ein ganz anderer Ausdruck durch diese Vorhalte!“

Wolfgang Amadeus. : „Vorhalt, Nachhalt, Abhalt, Draufhalt, bloß nicht Hinterhalt – ich muss weg halt, Du bleibst da halt! Halter, Alter, kalter – Falter – Walter – Franz – Hans – …“

Franz.: „Haaaaalt—! Lass uns bitte harmonisch bleiben!“

So oder anders  könnte es gewesen sein. In etwa. Vielleicht.

Ein Vorhalt ist ein musikalischer roter Punkt auf einer orangenen Harmonie – Fläche

So, wie in „Yesterday“ der erste Ton der gesungenen Melodie sofort verlangt, dass unmittelbar danach derjenige tiefere Ton folgt, der dann tatsächlich zu der Harmonie gehört, die gerade als Begleitung erklingt, hat das musikalische Element des Vorhalts überall da, wo es auftaucht, eine ausdrucksverstärkende Funktion.

In Zeiten von Barock und Klassik, als dieses Ausdrucksmittel seinen Weg in die Musik antrat, waren diese „falschen“ Töne noch so „unerhört“, dass die Komponisten sie in ihren Noten nurmehr ganz klein und zusätzlich zu der eigentlichen Note aufschrieben.

Wer macht schon einfach einen roten Punkt in eine ausgewogen harmonische orangene Fläche?

Die Vorhalte als gleichwertige Töne in den Noten genauso groß aufzuschreiben, wie die Hauptnote, auf die sich so ein Vorhalt bezog, galt wahrscheinlich als unschicklich. Wie eine kleine Unverschämtheit, die man nur hinter vorgehaltener Hand sagt – und die ihre Wirkung dadurch umso stärker entfaltet. Nur, dass in der Musik diese „Unverschämtheiten“ ganz schnell zu den schönsten emotionalen Melodie-Elementen wurden.

Tomatensuppe im Teller 3Sie mögen es kulinarisch?

Sie haben eine vortreffliche Suppe aus sonnengereiften Tomaten, herrlich gewürzt und formvollendet mir einem Blatt frischen Basilikums garniert. Eine perfekte Harmonie.

Den Gipfel des Genusses verleihen Sie dieser Köstlichkeit mit einem Tupfer Sahne, genau in die Mitte des Tellers, gleich neben das Basilikum.

Ein Sahne – Vorhalt.

Und nun rühren Sie vorsichtig Ihre Suppe um, solange, bis die Sahne sich in das Rot der Tomaten so eingefügt hat, dass Sie das Weiß des Vorhaltes nicht mehr sehen können. Aber es hat ganz fein den Geschmack verändert. Das harmonische Aroma der Suppe hat eine neue Nuance bekommen, kaum merklich, aber bereichernd.

Es geht um die Verstärkug des Ausdrucks

Im HitView-Yesterday zu Paul McCartneys berühmtem Song nutze ich das Beispiel der Orpheus-Arie von Gluck, hier in einer klavierbegleiteten Version mit demselben Sänger wie im HitView – Beispiel, Andreas Scholl. Am Anfang dieser Aufnahme gibt es noch ein sogenanntes Rezitativ (übrigens mit jeder Menge Moll, die Arie beginnt dann bei 1:50“).

Und ich möchte noch ein Stück von Mozart mit ins Rennen schicken: Seine Arie der Pamina aus der Zauberflöte, in der sie den Verlust des Liebesglücks beweint.

Hören Sie besonders auf die unterstrichenen Worte der Textzeile vom Anfang der Arie, die ich hier unten aufgeschrieben habe  – alles Vorhalte – und spüren Sie, wie durch diese Töne das große Gefühl Paminas seinen tiefen musikalischen Ausdruck erfährt. Sie werden dann beim Weiterhören sicher immer wieder diese Momente entdecken, in denen Mozart die Gesangstöne als Vorhalte erklingen lässt…

„Ach, ich fühl’s, es ist entschwunden, ewig hin, der Liebe Glück…“

Wunderbar auch der Moment des Vorhaltes, wenn sie später wie beschwörend den Namen ihres Prinzen Tamino singt (ab 2:15“).

Ohne Harmonie kein Vorhalt

Damit so etwas wie ein Vorhalt funktioniert, braucht es eine Musik, die harmonisch nachvollziehbar ist – insofern verliert sich dieses musik-ästhetische Juwel im Laufe der komplexer werdenden klassischen Musik um die Zeit des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts.

Aber zum Glück finden wir die roten Flecken auf orangenem Grund mit ihren Entsprechungen von Grün, Rot, Blau oder Sahne usw. in Form von Vorhalten bei vielen wunderbaren Stücken in all jener Musik, die sich den Bezug zur Harmonie bewahrt hat.

Guten Appetit und vollendeten Hörgenuss.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Und gute Musik.

Ihr Stefan Malzew

 

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